Nach Aufarbeitungsstudie: Informationsabend und erste Ableitungen

Nach Aufarbeitungsstudie: Informationsabend und erste Ableitungen

Nach Aufarbeitungsstudie: Informationsabend und erste Ableitungen

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Nach Aufarbeitungsstudie: Informationsabend und erste Ableitungen

Eine Woche nach der Veröffentlichung der wissenschaftlichen Studie zu Fällen sexualisierter Gewalt im Umfeld der Markus-Kirchengemeinde stand bei einer Informationsveranstaltung im Haus der Kirche am Dienstag, 19. Mai, der Austausch mit der Öffentlichkeit im Mittelpunkt. Superintendent Heinrich Fucks und Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth, Leiterin des Handlungsfeld Seelsorge und Vertrauensperson im Kirchenkreis, diskutierten mit den Anwesenden über die Ergebnisse der Studie, die strukturellen Bedingungen von Machtmissbrauch und Konsequenzen für die kirchliche Praxis.

Am Dienstag, 19. Mai 2026, hatte der Evangelische Kirchenkreis Düsseldorf zu einem öffentlichen Informations- und Gesprächsabend eingeladen. Anlass war der am 12. Mai vorgelegte Abschlussbericht „Männerfreundschaften“ durch Forschende der Hochschule RheinMain. Die unabhängige Studie untersucht Fälle sexualisierter Gewalt ab den 1970er Jahren im Umfeld der Markus-Kirchengemeinde in Düsseldorf-Vennhausen und der Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK). Im Zentrum stehen Berichte von Betroffenen und Zeitzeug*innen. Ziel der Studie war es, Erkenntnisse über Vorfälle zu gewinnen, die im Zusammenhang mit dem inzwischen verstorbenen Gemeindepfarrer Dr. Hans Georg Wiedemann stehen, der bundesweit als progressive Stimme für die Rechte homosexueller Menschen bekannt war. Die Evangelische Kirche im Rheinland hatte die Studie zusammen mit dem Kirchenkreis Düsseldorf sowie der Markus-Kirchengemeinde in Auftrag gegeben, um das Leid der Betroffenen sichtbar zu machen und institutionelle Strukturen zu identifizieren, die sexualisierte Gewalt ermöglicht haben.

Einblick in Täterstrategien und strukturelle Bedingungen

In einem Vortrag ordnete Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth die Ergebnisse der Studie ein und beschrieb die Mechanismen von Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen. Die Untersuchung dokumentiert die Berichte von Betroffenen, die vor allem in asymmetrischen Vertrauensverhältnissen – etwa in Seelsorge, Beratung oder Ausbildung – sexualisierte Gewalt und spirituellen Missbrauch durch Wiedemann erfahren haben.

Nach Darstellung der Forschenden nutzte Wiedemann gezielt sein Charisma, seine hohe moralische Autorität, seine Glaubwürdigkeit als Reformer sowie zeitgenössische Diskurse über „sexuelle Befreiung“, um körperliche Grenzüberschreitungen zu normalisieren. Auch  die für uns indiskutable, fehlende Abgrenzung zu pädosexuellen Positionen sowie die enge Verbindungen zum Sexualwissenschaftler Helmut Kentler werden im Bericht offengelegt.

Erste Erkenntnisse und Konsequenzen vorgestellt

Schneidereit-Mauth betonte, dass sich aus der Studie zentrale Erkenntnisse für Kirche und Gesellschaft sowie Konsequenzen für die institutionelle Praxis ableiten lassen: „Die Studie beschreibt die Vorkommnisse um Hans-Georg Wiedemann. Nur indirekt werden konkrete Konsequenzen benannt. Nun sind wichtige Lehren für uns als Kirche, Gesellschaft und Institutionen zu benennen.“ Sexualisierte Gewalt müsse als strukturelles Problem verstanden werden, das durch Machtgefälle, fehlende Kontrolle und Loyalitätsstrukturen begünstigt werde. Die Untersuchung mache deutlich, dass progressive oder gesellschaftlich anerkannte Positionen keinen Schutz vor Machtmissbrauch bieten.

Hervorgehoben wurde außerdem die geringe Sichtbarkeit männlicher Betroffener. Scham und gesellschaftliche Rollenbilder hätten vielfach dazu beigetragen, dass Übergriffe nicht benannt wurden. Weitere Erkenntnisse betreffen die Rolle von Sprache bei der Verschleierung von Gewalt, die Bedeutung früher Interventionen bei Verdachtsfällen sowie die Notwendigkeit verbindlicher Aufarbeitungsprozesse.

Konsequenzen für die institutionelle Praxis 

Schneidereit-Mauth stellte als erstes Ergebnis sieben zentrale Aspekte und Konsequenzen für die institutionelle Praxis vor, die sich aus der Studie ableiten lassen:

1. Sexualisierte Gewalt muss strukturell verstanden werden: Gewalt basiert auf Machtgefällen und fehlender Kontrolle. Konsequenz: Institutionen müssen Machtstrukturen kontinuierlich reflektieren; Leitungspersonen benötigen Supervision, Feedbackstrukturen und klare Verantwortlichkeiten.

2. Progressive Positionen schützen nicht vor Machtmissbrauch: Auch der Einsatz für Gleichberechtigung oder gesellschaftliche Offenheit darf niemals dazu führen, Personen von Kritik auszunehmen. Konsequenz: Es bedarf einer dauerhaften Kultur der kritischen Reflexion.

3. Männliche Betroffenheit muss sichtbarer werden: Die Studie zeigt, dass auch erwachsene Männer Opfer sexualisierter Gewalt werden, oft gehemmt durch gesellschaftliche Rollenbilder und Scham. Konsequenz: Präventionsmaterialien und Beratungsangebote müssen gendersensibel gestaltet und Mitarbeitende speziell geschult werden.

4. Charisma braucht Kontrolle: Starke Bindungen und Loyalitäten zu charismatischen Persönlichkeiten dürfen Kritik nicht moralisch delegitimieren. Konsequenz: Leitungsstrukturen müssen geteilt werden, Beschwerdewege müssen niedrigschwellig sein.

5. Sprache kann Gewalt verschleiern: Begriffe wie „Zärtlichkeit“ oder „Männerfreundschaft“ wurden im konkreten Fall genutzt, um Grenzüberschreitungen zu bagatellisieren. Konsequenz: Höchste Sensibilität für Sprachmuster, die Machtmissbrauch verdecken.

6. Frühe Intervention ist entscheidend: Das Übergehen erster Hinweise führt oft zur Eskalation. Konsequenz: Etablierung von unabhängigen Vertrauenspersonen, klaren Meldewegen und schnellen Risikoanalysen bereits bei ersten Verdachtsmomenten.

7. Aufarbeitung muss dauerhaft sein: Ein solches Projekt endet nicht mit der Vorlage eines Berichts. Konsequenz: Kontinuierliche Präventionsarbeit, die feste Einbeziehung Betroffener und langfristige institutionelle Lernprozesse.

Institutionelles Versagen benennen, Schutzkonzepte stärken

Sowohl Superintendent Heinrich Fucks als auch Antje Menn, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, hatten bereits im Vorfeld erklärt, dass die Studie schwerwiegendes, institutionelles Versagen und erhebliche Versäumnisse damaliger Verantwortlicher offenlege.

Zwar wurden im Kirchenkreis Düsseldorf und der Landeskirche seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2021 bereits zahlreiche Schutzmaßnahmen etabliert, darunter verpflichtende Präventionsschulungen, erweiterte Führungszeugnisse, unabhängige Vertrauenspersonen und verbindliche Interventionspläne. Die Veranstaltung machte zugleich deutlich: Die Weiterentwicklung von Schutz- und Präventionskonzepten ist eine Daueraufgabe, die eine permanente Kultur der Aufmerksamkeit und der schonungslosen Selbstkritik erfordert.

Die Verantwortlichen ermutigen weitere Betroffene oder Zeitzeug*innen ausdrücklich, sich an die bestehenden Fach- und Vertrauensstellen zu wenden. 


Folgende Kontaktstellen und Personen stehen bereit, um vertrauliche Gespräche zu führen und über Hilfsangebote zu informieren:

Vertrauenspersonen des Evangelischen Kirchenkreises Düsseldorf Nils Davidovic: Tel. 0211 95757-798, nils.davidovic@ekir.de Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth: Tel. 0211 95757-709, heike.schneidereit-mauth@ekir.de

Interne Ansprechstelle der Evangelischen Kirche in Rheinland für Betroffene und Verdachtseinschätzung Petra Müller Stabsstelle Prävention, Intervention und Aufarbeitung Hans-Böckler-Straße 7, 40476 Düsseldorf Tel. 0211 4562-391, pia-ansprechstelle@ekir.de

Telefonseelsorge Anonym, kompetent, rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter: 0800 – 111 0 111 0800 – 111 0 222 

Seelsorge-Telefon im Evangelischen Kirchenkreis Düsseldorf 0211 9 57 57 57 57 Unter dieser Nummer nimmt die Seelsorge in Düsseldorf Anfragen persönlich entgegen und vermittelt Seelsorger*innen für zeitnahe Telefongespräche oder Kontakt per E-Mail 

Beratungsstellen der Diakonie Düsseldorf An vier Standorten in Düsseldorf bietet die Diakonie Beratung und Unterstützung für alle Lebensfragen an:

Benrath: Paulistraße 7, 40597 Düsseldorf Tel. 0211 71 50 57, E-Mail eb.benrath@diakonie-duesseldorf.de

Flingern: Platz der Diakonie 2a, 40233 Düsseldorf Tel. 0211 91 31 88 40, eb.flingern@diakonie-duesseldorf.de

Kaiserswerth: Arnheimer Straße 31, 40489 Düsseldorf Tel. 0211 41 60 89 20, eb.kaiserswerth@diakonie-duesseldorf.de

Oberkassel: Kyffhäuserstraße 7, 40545 Düsseldorf Tel. 0211 54 47 60 50, eb.oberkassel@diakonie-duesseldorf.de

Externe Ansprechstelle für Betroffene: Wildwasser Bielefeld e. V. Tel. 0521 5573466 (montags von 15 bis 16.30 Uhr), ansprechstelle@wildwasser-bielefeld.de 

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch: 0800 2255530 Das Hilfe-Telefon berät Betroffene und alle, die Kinder schützen wollen – anonym, kostenfrei und mehrsprachig: Mo., Mi. Fr. von 9 bis 14 Uhr sowie Di. und Do. von 15 bis 20 Uhr. https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/hilfe-telefon


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