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„Zuhören ist eine Kompetenz, die jeder braucht“

Veranstaltung im Rathaus - „Von der Kunst des Zuhörens in unerhörten Zeiten“

Diskussion im Plenarsaal des Düsseldorfer Rathauses im Rahmen der Seelsorgewoche 2019

Die Diskussion bestritten (v.l.) Dr. Andreas Meyer-Falcke, Dr. Stefan Schumacher, Pfarrer Ulf Steidel sowie Ariadne von Schirach und Diakoniepräsident Ulrich Lilie. Die Moderation hatte Bettina von Clausewitz. Foto: Sergej Lepke
Unter den Zuhörern waren Notfallseelsorger Olaf Schaper (links), Pfarrer Peter Krogull, Leiter der Seelsorgefortbildung und -entwicklung (3. v.l.) und neben ihm Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth zuständig für die Abteilung Seelsorge im Evangelischen Kirchenkreis. Foto: Sergej Lepke
Viele waren der Einladung zur Dikussion im Rathaus gefolgt. Foto: Sergej Lepke

    „Von der Kunst des Zuhörens in unerhörten Zeiten“ – unter diesem Titel fand im Rahmen der Seelsorgewoche am Donnerstagabend im Plenarsaal des Rathauses eine Diskussion statt. Anlass war das 60-jährige Bestehen der Telefonseelsorge in Düsseldorf.

    Rund 15. 000 Menschen machen pro Jahr Gebrauch vom dem niederschwelligen Angebot, das gemeinsam von evangelischer und katholischer Kirche betrieben wird. Im geschützten Raum sich einem von über 100 Ehrenamtlichen anvertrauen – das ist es, was die Telefonseelsorge ermöglicht. Doch wie sieht es außerhalb davon aus? Hat die Gesellschaft die Fähigkeit des Zuhörens in Zeiten von Digitalisierung und Kommerzialisierung verlernt? Und was muss passieren, damit sich dies wieder ändert?

    „Die ,Landkarte‘ des Anderen lesen und diese verstehen können“

    „Die Gesellschaft unterliegt einem tiefgreifenden Wandel“, ist Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie in Deutschland, sicher. „Unser Land wird immer digitaler, die sozialen Ungleichheiten nehmen zu. Das sind Faktoren, die es schwieriger machen, miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagte Lilie. Eine Auffassung, die die Politik teilt, wie Dr. Andreas Meyer-Falcke, Beigeordneter und Dezernent für Gesundheitsmanagement in Düsseldorf, erklärte: „Wir sehen diesbezüglich eine gewachsene Schieflage, gegen die wir etwas tun müssen. Mehr denn je brauchen wir den gemeinsamen Austausch.“

    Ob Probleme des Einzelnen, gesellschaftliche Differenzen in einer Gruppe oder Komplikationen auf interkultureller Ebene – um richtig Zuhören zu können, benötigt es mehr, als ein offenes Ohr. „Das erste Ziel muss es sein, die ,Landkarte‘ des Anderen lesen und diese verstehen zu können“, sagte Dr. Stefan Schumacher. Der ehemalige Präsident der Internationalen Telefon-Notfall-Seelsorge (IFOTES) glaubt, dass sich die Inhalte dabei nicht grundlegend verändert haben. Vielmehr seien jene „Landkarten“ im Laufe der Zeit einfach „vielfältiger und komplexer“ geworden.

    „Das Zuhören fängt bei sich selbst an“

    Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer und Moderatorin Bettina von Clausewitz vom Westdeutschen Rundfunk darüber, was zum richtigen Zuhören notwendig ist. „Beim aktiven Zuhören muss ein Raum entstehen, in dem der Andere sich über sich selbst klar wird“, sagte die Philosophin und Journalistin Ariadne von Schirach. „Ich muss von meiner eigenen Perspektive absehen und benennen können, was ich gehört habe. So kann ich zeigen, dass ich es verstanden habe“, ergänzte Stefan Schumacher.

    Damit sich Einzelne oder Gruppen von Menschen wieder „erhört“ fühlen, müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, wie Lilie betonte: „Wir benötigen Sozialräume, in denen die Leute sich treffen. Wir brauchen Orte und Zeiten, wo wir uns gegenseitig face-to-face wahrnehmen und uns gegenseitig zuhören.“ Angesichts wachsender Kommunikation in und mit digitalen Medien anstelle von Menschen mag das leichter klingen, als es letztendlich umsetzbar ist. Vielleicht benötigt es aber nur den richtigen Anstoß. „Zuhören ist eine Kompetenz, die jeder Mensch braucht“, sagte Stefan Schumacher, ehe Ariadne von Schirach den passenden Abschluss zum Thema fand: „Das Zuhören fängt bei sich selbst an.“

    Verfasser: Tobias Kemberg