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„Mein Herz schlägt für die jiddische Sprache“

Pfarrer Thomas Kleiner beschäftigt sich mit Jiddisch in seinem Ruhestand

Pfarrer Thomas Kleiner bei seinen Jiddisch-Studien. Foto: Andreas     Vollmert

Düsseldorf (evdus). Thomas Kleiner gerät sofort in Fahrt, wenn er eines seiner Lieblingsbücher aufschlägt. Es ist ein Band mit jiddischen Gedichten von Avrom Rejsen. Er liest den Text mit deutlicher Aussprache, doch der Zuhörer hat Mühe zu verstehen. Denn Jiddisch ist für das Ohr zunächst ein Kauderwelsch. Der pensionierte Pfarrer aus Garath definiert es: „Jiddisch ist eine Sprache, die sich aus verschiedenen Komponenten zusammen setzt. Die deutsche Sprachkomponente ist die größte mit über 70 Prozent.“

Thomas Kleiner ist international gefragter Jiddischexperte. Seit seinem Theologiestudium beschäftigt er sich mit der so genannten Mameloschn, der ‚Muttersprache Jiddisch‘. Die ist vor allem in Osteuropa verbreitet. Dabei überrascht, dass Jiddisch im Rheinland entstanden sein soll. Hier organisieren sich seit dem fünften Jahrhundert die ersten jüdischen Gemeinden.„Jiddisch dient ihnen als Alltagssprache für Dinge, die hebräisch nicht auszusprechen waren, da es als heilige Sprache galt“, weiß der Sprachforscher. Später entwickelt sich eine Schriftsprache. 

„In den 20er Jahren ist Jiddisch in aller Munde“

In der Zeit der Reformation kommt es zu ungeahnten Verbindungen zwischen Christen und Juden. Während Martin Luther für seine ablehnende Haltung gegenüber dem Judentum kritisiert wird, suchen andere Reformatoren den Schulterschluss. „Paul Vagius tut sich zusammen mit einem Rabbiner. Und schnell haben die beiden eine gemeinsame Druckerei eröffnet und geben das erste Wörterbuch heraus, in dem Jiddisch, Deutsch, Latein und Hebräisch nebeneinander stehen.“

In den 20er Jahren ist Jiddisch in aller Munde – in Form von Witzen, Kabarett und natürlich Musik. „Die jiddische Sprache ist ein Türöffner. Es ist nicht nur die Sprache, die sich übers Ohr mitteilt, sondern im Jiddischen sieht man auch, wenn gelächelt wird, wenn ironisch gesprochen wird“, weiß Thomas Kleiner aus vielen Begegnungen in aller Welt. Er rückt seine Brille zurecht, bevor er ein anderes historisches Buch aufklappt und einen alttestamentlichen Psalm zitiert. 

„Zukunftsprojekt: Memory-Spiel auf Jiddisch“

Der ehemalige Klinikseelsorger und Studentenpfarrer betreibt seine Studien intensiv und mit viel Ernsthaftigkeit. Jeden Monat fährt er nach Paris zu einem Jiddischkurs auf hohem Niveau. Die Sprache sei heute wieder salonfähig, versichert er. Junge Menschen finden sich mit ihm regelmäßig in der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum ‚Schmuse-Lesekreis‘ zusammen. Dann kramt er Notenblätter hervor: „A hard days night“ von den Beatles und „Blowin‘ in the wind“ von Bob Dylan. Die Texte sind in Jiddisch.

Was den Pfarrer weiter antreibt, sind seine grenzenlose Neugier gegenüber der „Sprache des Herzens. Er geht es darum, die gemeinsamen Wurzeln zu entdecken und voneinander zu lernen“. Und er möchte mögliche Sprachlücken füllen. Derzeit arbeitet er an einem Memory-Spiel - natürlich in Jiddisch.

 Verfasser: Andreas Vollmert