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Erinnerung an den Düsseldorfer Majdanek-Prozess

Vor 40 Jahren: Urteilsverkündung im Majdanek-Prozess

"IM PROCESS" feierte am Abend Premiere in der Bergerkirche: Der 17-jährige Schüler Gerrit Niehaus (gespielt von Pablo Vuletić) verfolgt den Majdanek-Prozess im Gerichtsaal. Foto: Ralf Puder
Superintendent Heinrich Fucks begrüßt die Gäste zur Gedenkstunde im Andreas Quartier. Foto: Sergej Lepke
Dr. Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender Jüdische Gemeinde Düsseldorf, Superintendent Henrich Fucks und Bastian Fleermann von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf (v.l.). Foto: Sergej Lepke
"Im Namen des Volkes": Schauspieler:innen des Theaterkollektivs Pièrre.Vers spielen eine Szene aus "IM Prozess" im Andreas Quartier. Foto: Sergej Lepke
Gäste der Gedenkstunde waren Monika und Dieter Hanschel. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt berichtete von seinen Erlebnissen als Pflichtverteitiger im Majdanek-Prozess. Foto: evdus
Im Obergeschoss des Andreas Quartiers zeigen vier Leuchtkörper die Geschichte des Lagers Majdanek und beschreiben den Majdanek-Prozess und dessen Nachwirkungen. Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/Michael Gstettenbauer

    Düsseldorf (evdus). Mit einer Veranstaltung am 30. Juni im Andreas Quartier, dem früheren Sitz des Düsseldorfer Land- und Amtsgerichts, erinnerte die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, die Jüdische Gemeinde Düsseldorf, die Evangelische und Katholische Kirche in Düsseldorf sowie die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an die Getöteten von Lublin/Majdanek und die Urteilsverkündung des Düsseldorfer Majdanek-Prozesses vor 40 Jahren.

    Hier finden Sie die alle Veranstaltungen, mit denen an den Majdanek-Prozess erinnert wird.

    Auftakt im ehemaligen Sitz des Land- und Amtsgerichts

    Der Düsseldorfer Majdanek-Prozess gilt als das spektakulärste und längste NS-Verfahren. In dem deutschen Konzentrationslager Majdanek bei Lublin in Polen waren zwischen Herbst 1941 und der Befreiung im Sommer 1944 rund 80.000 Menschen durch Misshandlungen, Sklavenarbeit, Hunger und Seuchen, aber auch durch Massenerschießungen und Vergasungen ermordet worden. Auf der Anklagebank sitzen 15 von mehr als 1500 SS-Wachleuten und KZ-Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers. Den Prozess kennzeichnen rund 20.000 Seiten Akten, 475 Verhandlungstage und rund 350 Zeugen, die aus aller Welt kamen, um in dem Prozess über die grauenvollen Verbrechen in Lublin/Majdanek auszusagen.

    Im Andreas Quartier in der Düsseldorfer Altstadt eröffnete Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte die Ausstellung zum Majdanek-Prozess. Auf der ersten Etage erinnern bis zum 20. August acht Schautafeln auf vier Leuchtsteelen an die Geschichte des Lagers Majdanek, den langen Weg zum Düsseldorfer Verfahren, den Prozess selbst und dessen Nachwirkungen. Historische Fotos zeigen Szenen aus dem Gerichtssaal und der Proteste vor dem Gebäude und in der gesamten Altstadt. In einer zweiten Ausstellung sind im historischen Luftschutzkeller der Mahn- und Gedenkstätte bis zum 10. September Nachdrucke und digitale Kopien der Majdanek-Portraits der Künstlerin Minka Hauschild zu sehen. „Das interessante an dem Prozess ist, dass er eigentlich so abläuft, wie wir uns da heute nicht mehr vorstellen können. Es sitzen Alt-Nazis im Publikum, die lautstark Solidarität mit den Angeklagten kundgeben.“, beschrieb Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf den Prozessalltag.

    Erinnerungen an den Majdanek-Prozess

    Für die Gäste führte das Theaterkollektiv Pièrre.Vers eine Szene aus dem Theaterstück „IM PROCESS“ auf. Im Anschluss trugen Oberrabbiner Raphael Evers und Kantor Aaron Malinsky von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf das Trauergebet „El male rachamim“ zum Gedenken an die Opfer des Holocaust vor.

    Zu Gast war Rechtsanwalt Dieter Hanschel, ehemaliger Pflichtverteidiger eines angeklagten SS- Aufsehers. Hanschel, der nach 40 Jahren das ersten Mal wieder das ehemalige Gerichtsgebäude betreten hat, sagte sichtlich ergriffen: „Im Laufe des Nachmittags habe ich das Gefühl bekommen: es drückt mich wieder.“ Die Erinnerungen an den Prozess ließ er über 30 Jahre mit den Prozessakten im Keller verschwinden, bis eine Israelreise ihn dazu bewegte, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Podiumsgespräch mit Superintendent Heinrich Fucks erläutert er: „Wir wurden gefragt: Trauen Sie sich das zu? Ich dachte mir, ein Jahr ist zu ertragen. Doch ich wusste nicht, was auf mich wartet.“ Was in den 130 Bänden Prozessakten an schrecklichen Taten zu lesen war, sei mit nach Hause getragen worden und habe viele böse Träume gegeben.

    „IM PROCESS“ – Ein performativer Akt zu Majdanek III

    Noch am selben Abend feierte das Theaterstück über den Majdanek-Prozess in der evangelischen Bergerkirche im Rahmen des asphalt festivals Premiere. Für die Zeitreise in das Jahr 1975 wurde die Bergerkirche in der Düsseldorfer Altstadt in den Saal 111 des Düsseldorfer Landgerichts verwandelt. Das Ensemble von Pièrre.Vers lässt den Prozess am Beispiel von vier Hauptangeklagten und zahlreichen Zeugen noch einmal lebendig werden. Die Anklage: Beteiligung am 250.000-fachen Mord im Zeitraum von Herbst 1942 bis Sommer 1944. 

    Kaum auf den Rängen Platz genommen nehmen die Menschen im Publikum auch schon die Position von Prozessbeobachtern ein. Durch die Szenen führt sie der 17-jährige Schüler Gerrit Niehaus (Pablo Vuletić) – einer der Düsseldorfer Jugendlichen, die vom vorsitzenden Richter Günter Bogen in den Gerichtssaal eingeladen wurden. Die Zuschauer:innen verfolgen den Auftakt, verschiedene Verhandlungstage und das Urteil von „Majdanek III". Sie bekommen einen lebhaften Eindruck von der emotional aufgeladenen Atmosphäre, die während des längsten und spektakulärsten Prozesses der deutschen Justizgeschichte vorherrscht. 

    Immer wieder kommt es zu Eklats, Provokationen und Unterbrechungen. Traumatisierte Überlebende, die als Zeugen aus der ganzen Welt nach Düsseldorf eingeladen wurden, sind im Gerichtssaal den Pöbeleien von rücksichtslosen Verteidigern ausgesetzt. Dem Ensemble des Theaterkollektivs Pièrre.Vers um Regisseur Christof Seeger-Zurmühlen gelingt es mit "Im Process", dem Erinnern eine Bühne und den Opfern hinter Majdanek eine Stimme zu geben. 

    Aufgeführt wird das Stück am 20. September, sowie vom 22. bis 26. September jeden Abend im Rahmen des Düsseldorf Festivals! in der Bergerkirche, Berger Straße 18 b, Altstadt. Infos unter www.duesseldorf-festival.de