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„Die Psychische Belastung ist gestiegen“

Kinder in der Krise – Familientherapeut Jens Duisberg im Interview


Familientherapeut Jens Duisberg , Leiter der Evangelischen Beratungsstellen der Diakonie Düsseldorf. Foto: DiD

Düsseldorf (did). Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, große Traurigkeit – was die Pandemie mit Kindern und Jugendlichen macht und wie man ihnen helfen kann, erklärt Jens Duisberg, Leiter der Evangelischen Beratungsstellen der Diakonie Düsseldorf, im Interview.

Herr Duisberg, die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber in den vergangenen Wochen ist etwas Normalität zurückgekehrt – auch in die Familien. Ist bei den Kindern also alles wieder gut?

Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern ist im Laufe der Pandemie deutlich angestiegen. War vorher noch jedes fünfte Kind betroffen, ist es jetzt jedes vierte. Die Anmeldezahlen bei Kinder- und Jugend-Psychotherapeut:innen sind mittlerweile so hoch, dass manche Therapeut:innen nicht mehr an ihr Telefon gehen, weil sie sowieso keine Termine anbieten können. Eine Klinik hat die Diagnostik eines Mädchens mit der Begründung abgelehnt, es gäbe ein erhöhtes Anmeldeaufkommen von Jugendlichen mit Suizidsymptomen, dem sie – verständlicherweise – erst nachkommen müssten. Es ist also mit Ende des Lockdowns leider nicht wieder alles gut in den Familien. Die Pandemie hat Spuren hinterlassen.

Welche Kinder sind besonders betroffen?

Stress begünstigt die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen. Besonders schwer haben es deshalb oft Kinder aus Familien, in denen das Stresslevel auch vor der Pandemie schon hoch war. Zum Beispiel Kinder mit Eltern in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die um ihren Job bangten oder Kinder, deren Eltern eine schwierige Paardynamik haben oder Kommunikationsmuster, die eher eskalierend sind als deeskalierend. Das Problem: Je jünger die Kinder sind, desto weniger können sie sich der Situation zu Hause entziehen. Generell hatten Kinder und Jugendliche im Lockdown kaum Möglichkeiten, einmal zu Hause rauszukommen; selbst der öffentliche Raum war ja teilweise tabu.

Vor welchen Problemen standen die Familien sonst noch?

Familien sind durch Corona ihre eingespielten Routinen weggebrochen. Sie mussten ihren Alltag unter ganz neuen Bedingungen organisieren. Dies hat ihnen einiges an Anstrengung abverlangt. Ressourcenreiche Familie – also Familien die finanziell gut aufgestellt sind – sind in der Regel aber deutlich besser durch die Pandemie gekommen, als ressourcenärmere. Wer zum Beispiel am Fließband in einer Fabrik oder als Putzkraft arbeitet, kann nicht einfach ins Homeoffice wechseln. Diese Eltern hatten deshalb keine Möglichkeit, ihre Kinder beim Homeschooling zu unterstützen. Hinzu kommt, dass viele Familien, die kein finanzielles Polster haben, sich die teure Technik fürs Homeschooling oft gar nicht leisten konnten. Da fehlte es zum Beispiel häufig schon an einem Drucker, um Aufgabenblätter zu vervielfältigen. Und ein Urlaub in den Sommerferien, um den Kopf wieder freizubekommen – das war entweder aufgrund der Schutzmaßnahmen nicht erlaubt oder ist für diese Familien finanziell meist sowieso nicht drin. Und das alles wirkt sich natürlich auch auf die psychische Gesundheit der Kinder aus.

Auf einen Termin beim Kinder- und Jugendtherapeuten muss man oft länger warten, aber Hilfe gibt es derzeit auch kurzfristig und kostenlos in den Evangelischen Beratungsstellen der Diakonie. Wie genau sieht die aus?

Wir helfen Menschen dabei, die Erfahrungen, die sie im Laufe der Pandemie und während des Lockdowns gemacht haben, zu verarbeiten. Die Kinder, die zu uns kommen, wissen: Da ist ein Mensch, der hört mir zu, versteht mich und kann mir Tipps geben, wie ich am besten mit dem, was mich beschäftigt, umgehen kann. Dabei ist uns wichtig, auszuloten, was Kinder oder Jugendliche wirklich brauchen, damit es ihnen bessergeht. In den Evangelischen Beratungsstellen der Diakonie Düsseldorf arbeiten Teams von Psycholog:innen und Pädagog:innen aus den verschiedensten Fachrichtungen zusammen. Das hat den Vorteil, dass wir multiperspektivisch auf einen Fall schauen und gemeinsam überlegen können, was das Beste ist – damit die Kinder aus dieser Krise gestärkt hervorgehen und gewappnet für die nächste Krise sind, die sie höchstwahrscheinlich irgendwann erleben werden.

Beratungsangebot: Die Beratung in den Evangelischen Beratungsstellen der Diakonie ist kostenlos. Einen Termin für ein erstes Gespräch können die Mitarbeitenden bereits innerhalb von vier Wochen anbieten. Informationen zu den Beratungsstellen der Diakonie Düsseldorf und ihren Angeboten gibt es online unter: www.diakonie-duesseldorf.de