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„Die Gewalt in Familien nimmt zu“

Fachberatungsstelle berät Familien jetzt telefonisch

Kontakt unter Telefon:  0211.913 54 36 00

Christina Lenders-Felske ist Leiterin der Diakonie-Fachberatungsstelle für Familien mit Gewalterfahrung. Sie berät betroffene Familien telefonisch. Foto: pixabay.com

Christina Lenders-Felske ist Leiterin der Diakonie-Fachberatungsstelle für Familien mit Gewalterfahrung. Im Interview erklärt sie, vor welchen Herausforderungen Familien mit Gewalterfahrung gerade stehen, warum Kinder und Jugendliche jetzt deutlich gefährdeter sind als vor der Corona-Krise und warum es Frauen in der Krise noch schwerer fällt, ihre gewalttätigen Männer zu verlassen.

Frau Lenders-Felske, Sie beraten Familien mit Gewalterfahrung. Wie sieht Ihr Alltag im Moment aus?

Die Menschen, die sowieso schon bei uns in der Beratung sind, unterstützen wir im Moment – außer in dringenden Ausnahmefällen – vor allem am Telefon: Zum Beispiel, indem wir mit den Familien individuelle Notfallpläne entwickeln, um besser mit Stresssituationen umzugehen. Oder indem wir ihnen helfen, eine feste Tagesstruktur aufzubauen, die Halt gibt in einer Zeit, in der äußere Strukturen wegbrechen. Natürlich können uns aber auch Familien anrufen, die noch nicht bei uns in der Beratung sind. Wir sind für sie da und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Sorgen macht Ihnen aber noch eine ganz andere Entwicklung?

Sehr große Sorgen machen wir uns um die Familien, die noch nicht im Hilfesystem angekommen sind. Mitarbeitenden in Kindergärten, Schulen oder Vereinen fällt es oft früh auf, wenn das Kindeswohl gefährdet ist – so dass sie zeitnah helfen können. Dieses Sicherheitsnetz fällt jetzt weg. Gleichzeitig gibt es für die Kinder und Jugendlichen durch die Ausgangsbeschränkungen jetzt deutlich weniger Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner außerhalb der Familien, denen sie sich anvertrauen können, wenn sie Gewalt in der Familie erleben.

Und was ist mit Frauen, die von Gewalt betroffen sind?

Erste Anlaufstelle für Frauen, die vor ihren Männern Schutz suchen, sind meist Freundinnen oder entfernte Verwandte. Im Moment ist das aber für viele keine Option – weil die Menschen sich aus Angst vor einer Ansteckung zurückziehen und ungern jemanden, der nicht zur Kernfamilie gehört, in ihre Wohnung lassen.

Und das in einer Zeit, in der Gewalt in Familien zunimmt.

Viele Familien mit Gewalterfahrung hatten ja schon vor der Krise große Probleme und Schwierigkeiten, ihren Alltag zu organisieren. Nun sind sie 24 Stunden auf sich gestellt – wodurch der Stress steigt. Das wiederum führt dazu, dass es schwerer wird, die eigenen Impulse zu kontrollieren: Etwa wenn sie plötzlich mit drei brüllenden Kindern in einer 60 Quadratmeter-Wohnung festsitzen. Deshalb möchte ich noch einmal an alle Familien appellieren, sich telefonisch bei uns zu melden, wenn es zu Hause Probleme gibt. Wir sind für sie da!